Institutskolloquium KG – 08.02.2017 | Institutskolloquium KG – 08.02.2017 – Institut für Geographie

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Institutskolloquium KG – 08.02.2017

Mittwoch, 08. Februar 2016, 12.15 Uhr im Hörsaal C
Institutskolloquium

Dr. Andreas Benz (Augsburg)

zum Thema

Regionale Entwicklung durch translokale Strategien? Potentiale und Risiken von Migrationsprozessen im Hochgebirge am Beispiel von Gojal, Pakistan

Gesellschaften und Wirtschaftssysteme der Hochgebirgsregionen des pakistanischen Karakorums sind seit vielen Jahrzehnten geprägt durch ausgesprochen hohe Migrationsraten und zumeist ins Tiefland gerichtete temporäre oder dauerhafte Abwanderung. Häufig werden diese Migrationsphänomene als Problem und große Herausforderung für die Entwicklung der betroffenen Gebirgsregionen gesehen, die unter Bevölkerungsverlusten und einer stagnierenden Wirtschaft leiden. In den letzten Jahren begann sich jedoch in Wissenschaft und 20111013-20111013DSC_0286Entwicklungszusammenarbeit eine positivere Sicht auf Migration durchzusetzen, die in temporärer Migration und Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten einen wichtigen Faktor für die sozio-ökonomische Entwicklung gerade in peripheren und strukturell benachteiligten Räumen sieht. In diesem Vortrag möchte ich am Beispiel der Region Gojal im pakistanischen Karakorum aufzeigen, wie komplex und voraussetzungsvoll der Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung gestaltet ist. Gojal gilt gemeinhin als ausgesprochen positives Beispiel für eine gelungene sozio-ökonomische Entwicklung im peripheren Hochgebirge, die ganz maßgeblich auf Migrationsprozesse gestützt ist. In den Bereichen Bildung, Gesundheit, Einkommen, Beschäftigung und DSC_0071Geschlechtergerechtigkeit zählt Gojal zu den führenden unter den ländlich-peripheren Regionen Pakistans. Es soll aufgezeigt werden, dass der sozio-ökonomische Wandel in Gojal auf einer Reihe von Rahmenbedingungen und regionaler Spezifika beruht, die nicht ohne weiteres auf andere Hochgebirgsregionen und Gemeinschaften übertragbar sind. Diese reichen von der geostrategischen Bedeutung der Region und daraus resultierender Subventionen und infrastruktureller Sondermaßnahmen von Seiten der pakistanischen Regierung über umfassende Aktivitäten des Aga Khan Entwicklungsnetzwerks in dieser ganz überwiegend von Ismailiten besiedelten Region bis hin zu einer ausgeprägten regionalen, religiösen und ethno-linguistischen Identität innerhalb der dominierenden Bevölkerungsgruppe der Wakhi. Dank stark ausgeprägter sozialer Normen des Zusammenhalts und der gegenseitigen Unterstützung innerhalb dieser ethno-linguistischen Gruppe und innerhalb von Verwandtschaftsnetzwerken blieben auch in Zeiten sich intensivierender Migration die sozialen Bindungen über die Distanzen hinweg intakt und boten eine stabile Grundlage für Rimessen und nicht monetäre p4032058Unterstützungsleistungen zwischen oft geographisch weit voneinander entfernt gelegenen Orten. Auf diese Weise vormochten es viele Haushalte translokale Livelihood-Systeme auszubilden, die es ermöglichen, Ressourcen und Chancen außerhalb der Region Gojal zu erschließen und so eine erhöhte Resilienz der Lebenssicherung zu erreichen. Doch zeigt sich, dass nicht alle Haushalte gleichermaßen an diesen neuen translokalen Entwicklungschancen partizipieren konnten und dass innerhalb der Haushalte der Nutzen und die Kosten der neuen translokalen Strategien durchaus ungleich verteilt sind.

 

Alle Interessierten sind herzlich willkommen!

– Pflichtveranstaltung im Rahmen des Bachelor-Studienplan / neue LPO = Modul PG9, GLG8
– ab WS 12/13 = Module KG 15, PG 15, GZB 12, GLG 10 und 11

Gesamtübersicht “Kolloquiumsprogramm” im WS 2016/17