Thomas Schmitt | Thomas Schmitt – Institut für Geographie

Madrid Madrid
Thomas Schmitt


Veranstaltung “Gentrifizierung – (k)ein Thema in Gostenhof?

Plakat_Gentrifizierung_in_Gostenhof

Öffentliche Veranstaltung „Gentrifizierung – (k)ein Thema für Gostenhof?“

mit Impulsvortrag “Gentrifizierung – Annäherung an einen umstrittenen Begriff” (Dr. Thomas Dörfler, Universität Bayreuth)

Zeit: Mittwoch, 15. Juni, 18.30 Uhr

Ort: Audimax (Kurt-Glässer-Saal) im Gebäude Findelgasse 7/9 in Nürnberg (Altstadt, nahe U-Bahn-Station Lorenzkirche), Raum 0.015

In der Nürnberger Stadtgesellschaft und in den regionalen Medien wird derzeit die Frage diskutiert, ob in Stadtteilen wie z.B. Gostenhof eine Gentrifizierung stattfinde. Mit dem schillerndern Begriff der Gentrifizierung werden in seiner positiven Lesart die bauliche Aufwertung von Stadtteilen assoziiert, das Auftauchen kreativer Milieus und die Entstehung urbaner Vielfalt. In seiner negativen Lesart steht er für die brachiale Verdrängung sozial schwächerer Bevölkerungsgruppen, die Steuerung der Stadtentwicklung allein nach Investoreninteressen und die kulturelle Verödung einst bunter, anregender Stadtteile. Es sind solche Verständnisse und Formen von Gentrifizierung, gegen welche die „Recht auf Stadt“-Bewegung ankämpft. In der Veranstaltung soll zunächst die aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussion zum Thema Gentrifizierung beleuchtet werden (Einstiegsvortrag von Dr. Thomas Dörfler, Universität Bayreuth). In einem zweiten Schritt möchten wir gemeinsam mit Bewohnern aus Nürnberg-Gostenhof und Akteuren der Nürnberger Stadtpolitik diskutieren, wie die derzeitigen Veränderungen insbesondere im Stadtteil Gostenhof zu bewerten sind, ob der schillernde Begriff der Gentrifizierung zu ihrer Beschreibung taugt und was einzelne Akteure zur (weiteren) Verbesserung der Lebenssituation in Stadtteilen wie Gostenhof beitragen können.

Die Veranstaltung wird organisiert von der Master-Forschungswerkstatt „Gentrifizierung in Nürnberg-Gostenhof“ (Leitung: PD Dr. Thomas Schmitt) des Instituts für Geographie der Universität Erlangen-Nürnberg.

 

Blog “Wissenschaft und Gesellschaft”

Moscheebaudebatten und Mediation (veröffentlicht am 8.6.2016)

In der MDR-Sendung „Fakt ist“ zum Thema „Moscheebau in Mitteldeutschland“ (6.6.) hatte ich der Ortsbürgermeisterin von Erfurt-Marbach zu ihren potentiellen neuen Nachbarn, der Ahmadiyya-Gemeinde gratuliert. Die Anhänger der Ahmadiyya pflegen einen friedlichen Islam; alle Ahmadi, die ich bisher kennenlernte, sind kultivierte und übrigens auch gebildete Leute. Zu dieser persönlichen Einschätzung stehe ich sehr gerne. Eine Kultur der Offenheit im Stadtteil und in der Stadt gegenüber dem Moscheebau und ihrer Gemeinde ist ein Beitrag für eine tolerante Gesellschaft. Nun werden in den Auseinandersetzungen um Moscheebauten auch islambezogene Argumentationen geführt, und ich erachte dies – sofern diese Debatten nach den Grundsätzen einer gerne engagierten, aber immer zivilisierten und gewaltfreien Auseinandersetzung geführt werden –, für legitim und wünschenswert. Die angewandte Friedens- und Konfliktforschung rät, entsprechende „unangenehme“ Debattenstränge nicht wegzudrücken, sondern aufzugreifen und zu „behandeln“ – auch im konflikttherapeutischen Sinn. Eine Islamkritik hat m.E. einen nachvollziehbaren rationalen Kern, nicht nur aufgrund der konkreten Nachrichteninformationen zu Krisenherden in der arabisch-islamischen Welt oder zu gewaltbereiten Islamisten in Europa, sondern auch im Hinblick auf die Quellen des Islam. Bestimmte Passagen des Koran scheinen mit der Wertarchitektur einer pluralen, offenen Gesellschaft und eines säkularen (und zugleich übrigens religionsfreundlichen!) Rechtsstaates kaum in Einklang zu bringen. Nicht nur Bürgerinnen und Bürger in der Nähe von Moscheen, sondern auch die Gesamtgesellschaft haben ein legitimes Interesse daran zu erfahren, wie islamische Organisationen ein Spannungsverhältnis zwischen der Loyalität zu einer pluralistischen, säkularen und grundrechtsbasierten Gesellschaftsordnung und entsprechenden Koranpassagen auflösen.

Ich halte es für ein ermutigendes Zeichen, dass viele Kommunen, Kirchenvertreter oder z.B. Vertreter jüdischer Gemeinden in Deutschland den Bau von Moscheen vor Ort aktiv unterstützen. Die katholischen deutschen Bischöfe beispielsweise haben 2008 in einer Orientierungshilfe zum Thema Moscheebau herausgestellt, dass für sie, entsprechend auch der bundesdeutschen Rechtslage, der Bau von repräsentativen, würdigen Moscheen durch das Grundrecht auf freie Religionsausübung geschützt ist. Dabei stützen sich die Deutschen Bischöfe auch auf eine für die römisch-katholische Kirche verbindliche Erklärung des 2. Vatikanum von 1965, wonach die Kirche „mit Hochachtung“ von den Muslimen spricht und dabei Gemeinsamkeiten zwischen christlichem und islamischen Glauben betont.

Wenn Behörden über Bauanträge zu Moscheen entscheiden haben, haben sie nach Recht und Gesetz vorzugehen und neben dem Grundrecht auf freie Religionsausübung auch z.B. die Bestimmungen des Baurechts zu berücksichtigen. Sofern sich Kommunen oder z.B. Kirchenvertreter darüber hinaus für den Bau von Moscheen engagieren, drückt dies ein Vertrauen in die jeweiligen handelnden Personen in den Moscheegemeinden vor Ort aus. Ein solches Vertrauen ist eine Investition in eine humane, solidarische Gesellschaft.

Manche werden aber auch fragen: Bejahen islamische Organisationen eine plurale, grundrechtsbasierte Gesellschaftsordnung aus Überzeugung oder nur pragmatisch-taktisch? Islamische Theologinnen und Theologen, in den Verbänden und auch an den Universitäten sind gefordert, Denk-Wege aufzuzeigen, wie die genannten Spannungsverhältnisse zwischen einer solchen Gesellschaftsordnung und den historischen Quellen in intellektuell überzeugender Weise aufgelöst werden können. Möglicherweise kann auch die Rezeption der islamischen Mystik (übrigens ein bevorzugtes Thema der in Erfurt geborenen, weltweit geschätzten Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel) hierbei weiterhelfen. Wie dieses Spannungsverhältnis gelöst wird, ist Sache der Muslime. Dass es aufgelöst wird, betrifft uns alle; es hat die Gesamtgesellschaft ein vitales Interesse, dass hierzu von muslimischer Seite nachvollziehbare, intelligible und verbindliche Antworten gegeben werden.

Obwohl diese Aufgabe drängt, braucht die Gesellschaft auch hierbei Geduld; sie ist eher ein Prozess von Jahrzehnten als von Tagen und Wochen. Sie muss vor allem dezentral geführt werden, auch in Moscheen. Vielleicht könnten aber auch zentrale öffentliche „Mediationen“ helfen: zivilisiert geführte Debattenrunden, nach den Grundsätzen gewaltfreier Kommunikation, zwischen islamischen Theologen und Vertretern der Verbände und islamischen Strömungen (einschließlich denen der Aleviten und Sufis) einerseits, intellektuell glaubwürdigen und dialogfähigen Islamkritikern andererseits, ferner Islamwissenschaftlern, Vertretern des Staates, der christlichen Kirchen und sonstiger Religionsgemeinschaften, der weiteren Zivilgesellschaft. Im Unterschied zur Deutschen Islam-Konferenz sollten diese „Mediationen“ nun öffentlich geführt werden, denn viele Bürgerinnen und Bürger – Nicht-Muslime, aber auch Muslime – dürften an ihr ein Interesse haben. Ich nehme hier erkennbar Anleihen bei der Mediation zu Stuttgart 21 – öffentlich durchgeführt, klug von Heiner Geissler moderiert –, mit dem Unterschied, dass am Ende dieser „Mediation“ kein Richterspruch des Mediators steht kann. Ziel der „Mediation“ wäre es, eine öffentliche Dialogfähigkeit über anspruchsvolle, aber gesellschaftlich relevante Themen herzustellen. Sollte ein solcher Vorschlag aufgegriffen werden, dürften zugleich die Erwartungen an die Mediationsrunden nicht zu hoch sein; eine solche Mediation, oder schon die Vorbereitungen hierzu, wären ein Baustein eines längerfristig zu denkenden, aber notwendigen gesellschaftlichen Klärungsprozesses. Sie kann und soll Austausch und Begegnung vor Ort nicht ersetzen, sondern anregen und bereichern.

Thomas Schmitt (7.6.2016)