Wissenschaftsgeschichte | Wissenschaftsgeschichte – Institut für Geographie

Äthiopien - Semien Äthiopien - Semien

Wissenschaftsgeschichte

Beitrag zu einer feministischen Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen Geographie 1900-1960

Wissenschaftsgeschichte der „quantitativ-theoretischen Wende“ in der deutschsprachigen Geographie

Regime der Visualität Eine Wissenschaftsgeschichte des geographischen Blicks 1880 – 1970

Beitrag zu einer feministischen Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen Geographie 1900-1960

Dr. Boris Michel und Katharina Paulus

Das Forschungsprojekt leistet einen Beitrag zu einer feministischen Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen Geographie zwischen ihrer Etablierung als universitärer Disziplin im späten 19. Jahrhundert und den ersten Berufungen von Frauen auf Professuren. Damit wird einerseits darauf gezielt, die bislang nicht thematisierte und vielfach unsichtbar gemachte Arbeit von Frauen und ihren Beitrag zur Produktion geographischen Wissens sichtbar zu machen und damit eine heterogenere und inklusivere Geschichte des Faches zu schreiben. Andererseits werden die konzeptionellen und methodologischen Überlegungen feministischer Wissenschaftsgeschichte in diesem Projekt dazu genutzt, diese Geschichte anders zu schreiben und Impulse in das weitere Feld der Disziplingeschichte zu liefern. Damit adressiert das Projekt Desiderate sowohl im Feld der feministischen Geographie wie auch der geographischen Disziplingeschichte.
In der anglophonen Geographie begannen in den 1970er Jahren feministische Geograph_innen damit, zunächst die aktuelle Geographie einer feministischen Kritik zu unterziehen und hiermit den Ausschluss von Frauen aus der Produktion geographischen Wissens, den Ausschluss „weiblicher“ Themen aus der Forschung und die epistemologischen Grundlagen des Faches zu kritisieren. In diesem Zusammenhang wurde auch die Geschichte des Faches aus feministischer Perspektive in den Blick genommen. In zahlreichen Arbeiten wurde deutlich gemacht, wie sehr die dominante Geschichtsschreibung der Disziplin als einer Geschichte weißer Männer nicht allein Ausdruck eines faktischen Ausschlusses von Frauen von der Produktion wissenschaftlichen Wissens beruht, sondern auch auf einer Ausblendung und Unsichtbarmachung der von Frauen geleisteten Arbeit in der Disziplin. In den Fokus gerieten dabei beispielsweise bislang wenig beachtete Geographinnen innerhalb und außerhalb der Universitäten, die Rolle geographischer Verbände und Gesellschaften, der Bereich der angewandten Geographie aber auch eine feministische Perspektive auf das historisch hegemoniale geographische Wissen, wie etwa den länderkundlichen Blick.
In der deutschsprachigen Geographie hat eine solche Geschichtsschreibung bisher nicht stattgefunden. Diese Abwesenheit einer fundierten Auseinandersetzung mit Geographinnen in der Geschichte der Geographie ebenso wie feministischer Perspektiven auf die Geschichte der Produktion geographischen Wissens führt dazu, dass auch in aktuellen Lehrbüchern bis in die 1960er Jahre keine Frauen als Produzentinnen geographischen Wissens auftauchen. Geographie stellt sich damit als die Arbeit weißer Männer dar und dies, so scheint es, beginnt sich frühestens mit den ersten Berufungen von Frauen in den 1960er Jahren langsam zu ändern.
Dass diese Darstellung jedoch wenig plausibel ist, macht einerseits der Vergleich mit der erwähnten anglophonen Geographiegeschichtsschreibung deutlich und andererseits zeigt bereits ein kursorischer Blick in die Publikationslandschaft und die Archive der Geographie, dass spätestens seit den 1920er Jahren eine Vielzahl von Frauen an den unterschiedlichsten Stellen der akademischen Geographie wichtige Beiträge lieferten, sei es als Doktorandinnen, technisches Personal oder als Ehefrauen männlicher Geographen. Diese Arbeit ist aber weder systematisch dokumentiert, noch auch nur exemplarisch untersucht worden. Diese Forschungslücke für die deutschsprachige Geographie zu schließen, ist Ziel der hier formulierten Überlegungen.

Wissenschaftsgeschichte der „quantitativ-theoretischen Wende“ in der deutschsprachigen Geographie

Dr. Boris Michel und Katharina Paulus

Die „quantitativ-theoretische Wende“ bezeichnet eine Phase der wissenschaftlichen Geographie, in der aus der Kritik an einer zumeist idiographischen länderkundlichen Geographie die Forderung nach einer neuen szientifischen Ausrichtung hervorging. In der Geschichtsschreibung der Geographie wird dieser Prozess unter dem Schlagwort „quantitativen Revolution“ verhandelt, auf der Ebene von Wissenschaftstheorie und wissenschaftlicher Praxis stellt er einen der wesentlichen Transformationsmomente der Disziplin dar. Im Gedächtnis der Disziplin wird die „quantitativ-theoretische Wende“ auf einige wenige Ereignisse fokussiert: den Geographentag in Kiel 1969, die Veröffentlichung von Dietrich Bartels‘ Habilitation, der Hinwendung zu kritischem Rationalismus und die Einführung der Diplomstudiengänge. Diese dominante Erzählung hält einer genaueren historischen Untersuchung nicht stand und produziert ein Narrativ zur Disziplin Geographie, das in problematischer Weise vereinfacht und geglättet ist. Mit diesem Mythos setzt sich das Forschungsprojekt kritisch auseinander und sieht sich als Teil einer fundierteren und umfassenderen historiographischen Aufarbeitung.
Ausgehend von Ansätzen in der Wissenschaftsgeschichte von Shapin, Rheinberger und Daston und den bereits abgeschlossenen Projekten von Barnes und Hannah zur anglophonen Geographie, soll nicht allein eine ideengeschichtliche Perspektive entworfen werden, sondern Wissenschaft als soziale, verkörperte, materielle und lokalisierte Praxis begriffen werden. Hierfür wählt das Projekt einen doppelten Zugriff auf seinen Gegenstand.
1) Einerseits in Form einer historischen Netzwerkanalyse, welche systematisch und auf die Breite gerichtet das Feld der deutschsprachigen Geographie der 1950er bis 1970er Jahre untersucht. Die Historische Netzwerkanalyse bietet, als ein exploratives Verfahren zur Beschreibung von Relationen und Interaktionen in Netzwerken aus Personen, Institutionen und Wissen die Möglichkeit, ex post formulierte und produzierte Erzählungen über zentrale Akteure und Ereignisse zu destabilisieren.
2) Ausgehend hiervon wird in Form einer lokalen und ortsbezogenen Perspektive deutlich zu machen sein, dass jenseits der dominanten Erzählung eines einheitlichen Paradigmas dieser neuen Geographie eine Reihe lokaler „quantitativer Revolutionen“ stattgefunden haben, die eigenständige Verständnisse produziert haben. Diese lokalen Realisierungen eines quantitativ-theoretischen Denkens und quantitativ-theoretischer Epistemologien in der Geographie haben eine divergentere vielfältigere Praxis hervorgebracht, als dies in den konzeptionellen Begründungstexten expliziert wurde.
Das Forschungsvorhaben zielt darauf, die Geschichte der „quantitativ-theoretischen Wende“ in der Geographie als einen komplexen, heterogenen und widersprüchlichen Prozess zu beschreiben. Eine historiographische Auseinandersetzung mit der „quantitativ-theoretischen Wende“ ist sowohl aus einem disziplinhistorische Interesse (im Sinne der Notwendigkeit eines adäquaten Verständnisses der Historizität der eigenen Theorien und Konzepte) als auch aus aktuellen Problemen heraus (die sich im Rahmen einer neuen quantitativen Wende und Big Data abzeichnen) dringlich geboten.

Regime der Visualität Eine Wissenschaftsgeschichte des geographischen Blicks 1880 – 1970

Dr. Boris Michel

Während die Auseinandersetzung mit der Bildlichkeit der modernen Wissenschaften und der Rolle von Visualisierung in deren Erkenntnisprozess zu den großen Themen der kultur- und geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsgeschichtsforschung und science studies gehört, wird sich diesen Fragen den so erforschten Disziplinen selbst kaum gewidmet. Die Geographie als eine empirische Wissenschaft im Schnittfeld zwischen natur- und sozial- und kulturwissenschaftlichen Wissenschaftskulturen, bietet sich gleichwohl gut dazu an, diese Reflexion der eigenen Disziplin und ihrer Paradigmen zu leisten. Gleichwohl spielen Disziplingeschichte und eine Geschichtsschreibung disziplinärer Rationalitäten und Erkenntnismodelle innerhalb der deutschsprachigen Geographie eine marginale Rolle.
Zugleich gehört es zu den Allgemeinplätzen disziplinärer Selbstbeschreibung, die Geographie als eine „visuelle Wissenschaft“ zu verorten, als eine Wissenschaft für deren Erkenntnisproduktion Visualisierung einen großen Raum einnimmt. Das Forschungsprojekt zielt damit auf die Visualität geographischen Wissens und Fragen nach dem spezifischen Visualitätsregime der Geographie. Visualitätsregime werden dabei verstanden als historisch und sozial spezifische und geregelte Formen der visuellen Wahrnehmung und Beobachtung. Diese sozial hergestellten und zugleich naturalisierten Ordnungen des Sehens sind machtvolle Instrumente der Stützung bestehender Wissenssregime. Eine systematische oder auch nur umfangreichere Beschäftigung mit geographischen Formen des Sehens und den Funktionen der Visualität, ist bisher nur rudimentär unternommen worden.
Zur Annäherung an geographische Visualitätsregime wird angestrebt, sich einer historischen Perspektive zu bedienen, die sich die Anregungen der Science Studies und Wissenschaftsgeschichte zu Nutze macht um eine Genealogie des Geographischen Blicks zu unternehmen. Hierfür sollen Fallstudien in Form von Sondierungen zu Momenten im 20. Jahrhundert unternommen werden, an denen sich Transformationen geographischer Visualisierungsweisen in besonders deutlicher Weise zeigen. In den Blick genommen werden die Durchsetzung photogrammetrischer Verfahren in der Geographie der 1930er und 1940er Jahre, Diskussionen um die Anwendbarkeit extraterrestrischer Verfahren der Fernerkundung seit den 1960er Jahren sowie die Visualität früher Formen digitaler Kartographie und Geographischer Informationssysteme (GIS) seit der Mitte der 1970er Jahren.